Das Flüstern des Dämons

Kommissar-Panda

Rezension von BluestoneBlog:

 

 

Mit Mikael schafft Kerstin Sjöberg einen Hauptprotagonisten, der sich in einer selbstverschuldeten Abwärtsspirale befindet.

Nach einem schweren Unfall erlitt er ein Schädelhirntrauma. Die Handlung setzt dabei nach seiner dreijährigen Erholungsphase, ein Tag vor Wiederaufnahme seines Postens als Fallanalytiker der Polizei ein. Durch Gespräche und Erzählungen werden seine Symptome, wie Gedächtnisverlust . Konzentrationsprobleme und starke Kopfschmerzen bis hin zu Schwindelanfällen deutlich; selbst Tee kochen wird für ihn zur Herausforderung. Auch nach den drei Jahren leidet Mikael noch immer unter den Problemen in schwächerer Form, auch sein Gedächtnis hat sich gebessert. Die Rehabilitation, die bis zum aktuellen Tage nicht vollständig abgeschlossen ist, wird dadurch gut nachvollziehbar und bleibt realistisch. Zu dem körperlichen Problem gesellen sich zwei große psychische Probleme.

 

Das erste stellt der Tod seines Kollegen und Freundes Joshua im Einsatz, noch vor seinem eigenen schweren Unfall, dar. Wie schon in der ersten Szene mit Mikael vor einem verschlossenen Friedhofstor deutlich wird, aber auch durch die nach der Wiederkehr in den Dienst täglichen Albträume von seinem alten Partner, schafft er es nicht, dessen Tod zu überwinden und zu akzeptieren. Gleichzeitig gibt er sich selbst, wie aus Gesprächen deutlich wird, bis heute die Schuld an dessen Tod. Die Albträume sorgen darüber hinaus für körperliche Probleme durch ständigen Schlafmangel.

 

Zum anderen belastet ihn sein eigener Leistungsdruck. War er vor seinem Unfall noch ein überragender Fallanalytiker, kämpft er nun mit den Folgen seines Unfalls. Häufig trifft er selbst die Aussage oder den Gedanken, er habe es vor seinem Unfall auch geschafft etwas zu erkennen, länger zu arbeiten oder geeigneter für seinen Beruf zu sein. Sowohl er selbst als auch seine Kollegen und seine Frau schaffen es in dieser Zeit nicht, ihn von diesem Leistungsdruck abzubringen.

 

Seine abgefallene Leistungsfähigkeit in Verbindungen mit Fehlern, die er während der Ermittlung macht, lässt ihn an seiner Kompetenz für den Beruf zweifeln und verstärkt noch einmal seinen Druck auf sich selbst und damit auch auf seinen Körper, welcher in Folge noch schneller abbaut. Damit öffnet sich stetig weiter die Schere zwischen seinen eigenen Anforderungen und der Realität, er befindet sich in der besagten Abwärtsspirale.

 

Ihm gegenüber steht ein scheinbar unfehlbarer Täter. Er hinterlässt beinahe keine Spuren und auch sein Motiv bleibt ein Rätsel, man weiß fast nichts über ihn.

 

Auch ihn beobachtet man im Laufe der Handlung und erfährt über seine Gedanken und seinen Dämon. Wie Mikael verlor er einen wichtigen Menschen, dessen Tod er nie verarbeiten konnte. Als Künstler verlor er seine Inspiration und schaffte keine besonderen Werke mehr, er war am Boden angelangt.

 

Der Dämon stellt dabei seinen Drang dar, das Glück und die Inspiration zurückzuholen, seinen Verlust zu kompensieren. Nachdem er schlagartig das Liebste in seinem Leben verloren hat, will er die Schönheit der Opfer auf ewig in seinen Werken erhalten; in seinen Augen tut er ihnen damit einen großen Gefallen.

 

Sein Zwiespalt zwischen Recht und Unrecht legt mit seiner ersten Tat komplett ab, statt sich zu wehren lässt er den Dämon walten, doch sein Glück soll nicht lange halten. Sobald das Blut aus dem Herzen seiner Opfer weg ist, seine Farbe versiegt, kehrt die Trauer wieder zurück. Er befindet sich in einem Zustand, aus dem er nicht entkommen kann; so wie Mikael.

 

Gerne hätte ich verfolgt, wie er sich innerlich wehrt und mit seinem Gewissen nach der Tat und seinem Hochgefühl zu kämpfen hat, doch hat dieser Mann es akzeptiert für sein Glück zu töten. Er fühlt sich den Ermittlern überlegen, unantastbar, und bleibt dennoch besonnen bei seinen Taten, um nicht entdeckt zu werden. Ein Künstler auf dem Höhepunkt seines Schaffens soll Mikael gegenüberstehen.

Das Ungleichgewicht der beiden Charaktere dominiert zu Beginn auch das Geschehen. Nach und nach wird neben Mikael auch das restliche Ermittlerteam vorgestellt, unter dem vor allem Antti, Mentor und engster Freund Mikaels, heraussticht. In besonderem Maße auf dessen Wohl bedacht, ist er die Stimme der Vernunft, auf die Mikael jedoch nicht hören kann.

 

Die psychische Überlegenheit des Täters spiegelt sich in der Ermittlung wieder. Durch die fehlenden Spuren rückt schon bald die Frage nach dem Motiv in den Vordergrund und mit ihr die Herzsymbolik. Dabei werden verschiedenste Bedeutungen aus Kultur, Religion und Kunst vorgestellt und mit dem Fall in Verbindung gesetzt. Als Herzstück des Krimis zieht sich diese Symbolik auch wie ein roter Faden durch die Geschichte und bildet eine sehr interessante Komponente.

 

Eine Pressekonferenz soll die Wende der Handlung einleiten, denn in dieser wird der Täter als gewalttätiger Psychopath bezeichnet. Als Künstler missverstanden und beleidigt, beginnt er sein Tatmuster zu verändern und wird offensiver gegenüber der Polizei. Spuren tauchen nun auf und führen zu einer bestimmten Person.

 

Der Täter wird in der Hälfte des Buches festgenommen, die Spuren kamen fast schlagartig nacheinander, das Ungleichgewicht vom Anfang ist zu schnell verschwunden und es kommen Zweifel beim Leser auf, genau wie bei Mikael. Das Bauchgefühl, das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, ohne Beweise zu haben, stellt sich sehr schön ein und weckt noch einmal das Interesse für die Wahrheit, die weiter verborgen bleibt.

 

Doch nicht nur für den Täter ist dies eine Zeit der Veränderung, die Abwärtsspirale, aus der Mikael sich nicht hat befreien lassen wollen, erreicht den Boden.

 

Kerstin hat einen Charakter erschaffen, der erst alleine fallen muss, bevor er die Hilfe um sich herum sieht. Im Kontrast zum Ernst des Falls und der Morde steht die Zeit mit seiner kleinen Familie, seiner schwangeren Frau und seinem Sohn, die er selbst als seinen Anker bezeichnet, welche fast schon irreal wirkt.

 

Das erste Zusammentreffen der beiden Gegenspieler läutet die entscheidende Phase des Buches ein. Noch immer ist ihm der Täter ihm überlegen und der Ausgang des Buches wird nun dadurch entschieden, ob er zu ihm aufschließen kann. Herrschte vorher eine konstante von Interesse getragene Spannung, steigert sich diese nun durch die Konfrontation der beiden enorm und erreicht kurz vor der Ende der Geschichte ihren Höhepunkt, bis zu dem sich auch keine klare Tendenz abzeichnet, ob der unterlegene Hauptprotagonist siegreich hervorgehen wird. Gerade dieser Fakt sorgt für einen besonderen Reiz zum Ende der Handlung.

 

Mit einem sehr gelungenen Bogen zum Anfang des Buches wird die Psyche beider Gegenspieler noch einmal abgerundet

Ohne sich in Details zu verlieren gibt sie einen guten Eindruck über die Dauer der Ermittlung. Die gute Rechtschreibung und Grammatik fördern den Lesefluss noch zusätzlich.

 

Wer sich neben dem Fall auch für einen fehlbaren Hauptprotagonisten und die Motive des Täters begeistern kann, macht mit Flüstern des Dämons nichts falsch.

4.5 Sterne bei 10 Bewertungen

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